FDP stoppt elektronische Gesundheitskarte: Ärzte triumphieren, IT-Industrie klagt

22.10.2009

Der FDP ist es voraussichtlich gelungen, ein Moratorium gegen die elektronische Gesundheitskarte im Koalitionsvertrag festzuschreiben, heißt es aus Kreisen der beteiligten Arbeitsgruppe. Höchstens aus Platzgründen könnte das vereinbarte Moratorium noch aus dem Koalitionsvertrag fallen. Seither überschlagen sich Ärzteschaft und IT-Industrie mit Angriffen und Vorwürfen.

Klaus Bittmann, Vorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, vertritt die Interessen der niedergelassenen Ärzte und sieht vor allem die Gefahr darin, dass jemand die zentral gespeicherten Daten knacken könnte. Die Ärzteschaft befürchtet außerdem, dass die Gesundheitskarte in der aktuell geplanten Infrastruktur das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient bedrohen könnte.

Bitkom-Chef Dr. August-Wilhelm Scheer hingegen vermutet, dass die Ärzte sich weniger Sorgen um den gläsernen Patienten machen, als um den gläsernen Arzt. Die Gesundheitskarte sei wesentlich sicherer als das Online-Banking und erleichtere für die Betroffenen das Leben enorm, so Scheer weiter. "Zum ersten Mal bekommt der Patient die Hoheit über seine eigenen Daten." Derzeit würden diese beim Arzt irgendwo auf dem Rechner gespeichert, zwischen verschiedenen Ärzten per Fax hin- und hergeschickt, oder gar offen in Aktenschränken abgelegt, wo jeder heran könne.

Ärztesprecher Bittmann weist diesen Vorwurf zurück: "Der Arzt ist schon heute so gläsern, gläserner geht es kaum", sagt er und weist auf die Daten hin, die ein Arzt regelmäßig an die Krankenversicherungen abgeben muss. Er wirft dem Bitkom hingegen vor, dass dieser knallharte Interessenvertretung für die IT-Industrie betreibt. "Diese Industrie wittert zunächst in Deutschland, dann weltweit Milliardenumsätze durch das 'Projekt elektronische Gesundheitskarte'", sagt Bittmann.

zeit.de vom 22.10.2009